Brief an einen Freund
Dieser Brief fügt zusammen, was mir meine ehemaligen Glaubensbrüder so angetragen haben an Vorwürfe, Mahnungen oder auch Drohungen. Er ist zwar auch schon etwas älter, aber zur Dokumentation….
Lieber Freund,
es freut mich, dass Du dich gemeldet hast, nach so langer Zeit. Gleichwohl: Ich weiß, dass ich mich eigentlich hätte selber bei dir melden sollen, die “schlechten” Neuigkeiten zu überbringen. Doch es hatte seine Gründe, es nicht zu tun. Ich denke, zum Einen sind mir die Argumente bekannt, mit denen Du mir gekommen wärst, zum Anderen kenne ich dich schon so lange, dass ich weiß, dass wir sehr verletzt aus dem Gespräch gegangen wären. Nun ist es also Zeit, dir zu schreiben auf all deine Fragen.
Dass Du nicht gerade jubelst über meine Entscheidung war mir ja klar. Du wirst sehr traurig sein, da Du ja von bestimmten Konsequenzen für mein Leben ausgehen musst. Und ich muss dir gestehen: Die Entscheidung ist mir gerade wegen der Liebe und der Gemeinschaft, die ich mit der Gemeinde hatte, nicht leicht gefallen.
Insofern gehe davon aus, dass ich eine wohl überlegte Entscheidung getroffen habe.
Gerade Du warst es, der mich immer wieder unterstützt hat, privat als auch beruflich. Die Gemeinde war da, als ich in einer Krise steckte. Dennoch wäre es falsch, wenn ich aus einer Dankbarkeit heraus einem Glauben verhaftet bleibe, den ich definitiv als falsch beurteile.
Mit meinem Text “Zum Christentum und zurück” wollte ich nur resümieren, wie meine Entscheidung zustande kam - mit Sicherheit ist das alles auch nicht sehr erschöpfend und wirkt vielleicht auch sehr unbeholfen. Zumal seitdem ich mich auch weiterentwickelt habe und nunmehr mich als Atheist bezeichnen muss.
Alles ging eigentlich aus einer Überprüfung meines Glaubens hervor. Darüber habe ich meinen Glauben verloren. Zuerst an die Bibel und dann an das, was sie uns angeblich verkündet. An einen Gott an sich noch nicht habe ich aber den an Jahwe und seinen Sohn verloren. Wollte auch nicht mehr im Rahmen einer Religion glauben. Darüber habe ich mit dem Leitungskreis gesprochen, mit dem Pastor und ich weiß nicht noch wem. Doch das, was mir gesagt wurde, konnte mich nicht überzeugen.
Lieber Freund, 10 Jahre hatte ich geglaubt, dass dieser Jesus Christus für mich gestorben ist und auferstanden um meine Schuld gegenüber Gott zu tilgen. Die Bibel war das Fundament meines Glaubens, so sehr, dass ich versuchte, Wissenschaft mit der Bibellehre zu decken. Auch wenn es manchmal schon weh tat.
Letzten Endes hat die Wissenschaft Oberhand gewonnen. Und das bringt Probleme, zum Beispiel den Sündenfall in die Evolution zu binden. Oder die Wunder. Und letzten Endes die Auferstehung.
Sicherlich haben Turbolenzen innerhalb der Gemeinde auch dazu beigetragen mir Gedanken über Bibel und Auslegung zu machen. Jede Bibelauslegung lässt sich ja von dieser selber erklären - was ja auch zu den verschiedenen Richtungen innerhalb des Christentum geführt haben. Manche nennen das allerdings auch Vielfalt des Glaubens……
Gleichwohl war ich, wie Du weißt, immer bemüht, die Bibel sehr wörtlich auszulegen. Und bin dabei an die Grenzen der Anwendbarkeit gestoßen. Denn wenn es Konsequenzen haben soll, finden Christen doch erstaunliche Ausreden, um gerade diese oder jene Bibelstelle doch anders zu sehen im Licht der Erkenntnis. Das ließ mich doch an die Aussagen der Bibel zweifeln……
Die von mir erwähnte Literatur war auch eher verwirrend. Dennoch half mir die Auseinandersetzung mit diesem Problem, meine Erkenntnis zu bekommen. Und glaube mir ruhig, wenn ich sage, ich habe bis auf den letzten Tag um Erleuchtung und Hilfe gebeten. Aber es war nur Schweigen im Wald.
Fast schon fassungslos, so scheint mir, hältst du mir vor, dass ich tatsächlich Erlebtes nunmehr als “auf den eigenen Mist gewachsen” abtue.
Mein Freund, ich gebe dir Recht. Das scheint unfassbar. Da hat einer die Liebe Gottes erfahren, Segen erfahren und nun? Alles Selbsttäuschung? Ja. Weil ich es nicht anders wusste und wollte habe ich es auch als Segen erfahren. Und das ich durch den Glauben und meine Nachfolge einen guten weg gegangen bin, ja auch das muss ich nun als Autosuggestion betrachten. Es ist aber nicht böse gemeint, ich kann das nun aber nicht mehr anders sehen. Letztendlich gibt es solche Umkehr und Abwendung vom alten Leben auch im Islam oder im Judentum, im Buddhismus und durch Erlebnisse sogar im Atheismus. Das alles ist also nicht unbedingt dem Wirken eines Gottes zuzuschreiben, sondern das alles ist auch durch das eigene Wollen zu erreichen.
Wenn Du mich aufforderst, wieder um zukehren so widerspricht das deiner Aussage, dass es keine Umkehr mehr für Abgefallene geben kann. Aber auch so: ich halte mir da keine Sicherheitsoption offen sondern gehe den Weg konsequent.
Und weiter sagst Du, ich solle den Weg der Verdammnis verlassen und wieder auf den rechten Weg gehen weil es mich und meine Familie ins Verderben führen wird.
Also wirklich. Merkst Du diese Drohbotschaft? Das ist keine Liebesbotschaft. Und gleichzeitig implizierst Du, ich würde meiner Familie schaden. Soll ich jetzt ein schlechtes Gewissen bekommen?
Nein, das funktioniert nicht mehr. Für mich sind die Himmel leer und der Tod ein endgültiger Zustand. Ich bin dann nicht mehr. Es gibt kein ewiges Leben.
Meine Kinder dürfen glauben oder nicht glauben, was sie wollen. Ich bin da nicht eingeengt. Und wenn ich das recht sehe, dann sind sie für ihre Beziehung zu Gott allein Verantwortlich. Von wegen Verderben…..
Ich selber bin kein unmoralischer Mensch. Werte und Moral sind nicht für mich abgeschafft. Nur einen Gott benötige ich dafür nicht mehr.
Es würde mich freuen, wenn Du meine Entscheidung akzeptierst. Und mir keine Vorhaltungen deswegen machst. Ich hoffe, dass sich unsere Freundschaft bewährt und trotz allem weiterbestehen wird.
